Der Zugriff des Staates auf jüdische Vermögenswerte

Die Existenzgrundlagen der jüdischen Bevölkerung Deutschlands wurden seit 1933 sukzessive ausgehöhlt. Auch viele Kunden der Allianz mussten ihre finanziellen Reserven angreifen. Zunächst stellten sie meist die Beitragszahlung ein und kündigten schließlich ihre Versicherungsverträge, um Bargeld zu erhalten. Das Geld wurde zum Teil benötigt, um den alltäglichen Bedarf zu decken, aber auch um Sonderabgaben zu bezahlen oder die Auswanderung zu finanzieren.


Deckblatt der Lebensversicherungspolice eines jüdischen Kunden von Allianz Leben

Auf diese Weise wurden bis 1939 bereits ein Großteil der Lebensversicherungspolicen jüdischer Kunden von diesen selbst rückgekauft. Bei vorzeitiger Kündigung einer Lebensversicherung sinken jedoch sowohl die Erträge des Versicherten als auch diejenigen der Versicherungsgesellschaft. Es wird der sogenannte Rückkaufswert ausgezahlt. Der Rückkaufswert lag erheblich unter der Versicherungssumme, die am Ende der eigentlich vereinbarten Laufzeit des Vertrags ausbezahlt worden wäre. Dies galt insbesondere, wenn der Vertrag erst wenige Jahre lief und entsprechend wenige Prämienzahlungen erfolgt waren.

Statistiken belegen die rapide Zunahme der in den Jahren 1938 und 1939 rückgekauften Policen. Nach der Pogromnacht gingen Staat und Partei endgültig zur radikalen Ausplünderung der Juden über. Viele jüdische Kunden wiesen die Versicherungsgesellschaften nun an, die Rückkaufswerte ihrer gekündigten Versicherungen direkt an die Steuerbehörden auszuzahlen. Damit versuchten sie, die staatlichen Zwangsabgaben für Juden und die hohen Steuerforderungen zu begleichen, die bei einer Auswanderung geleistet werden mussten.